Digitale Kompetenzen und Informatische Grundbildung am Ende der Sekundarstufe I
Mehr als hundert Jahre nach der industriellen Revolution, mit der darauf folgenden systemischen Verankerung naturwissenschaftlicher Fächer in den Schulen, befinden wir uns gegenwärtig – zumindest in den entwickelten Ländern – in einer Epoche, die durch einen Wandel zur digitalen (Wissens)Gesellschaft geprägt ist.
Computergestützte Informations- und Kommunikationstechnologien sind Treiber dieser Entwicklung, die nahezu alle Lebensbereiche innerhalb kurzer Zeit erfasst hat und in Zukunft weiter stark beeinflussen wird.
Um den dadurch induzierten gesellschaftlichen und beruflichen Herausforderungen gewachsen zu sein, muss sichergestellt sein, dass Kinder und Jugendliche „Digitale Kompetenz“ als Teil einer umfassenden informatischen Grundbildung möglichst früh erwerben.
Dies erfordert jedoch bereits im Pflichtschulbereich (Grundschule und Sekundarstufe I) eine umfassendere Bildung und Ausbildung als dies derzeit durch zentrale Vorgaben der österreichischen Schulpolitik zum Ausdruck kommt. Die informatisierte und digitale Netzwerkgesellschaft ist im verpflichtenden Fächerkanon dieser Jahrgangsstufen nur unzureichend abgebildet.
Auch im aktuellen Gesetzesentwurf (November 2011) für die Neue Mittelschule ist Informatische Grundbildung im Lehrplan weder in den Pflichtgegenständen noch in den alternativen Pflichtgegenständen vorgesehen, sondern nur als Unverbindliche Übung „Einführung in die Informatik“.
Diese Unverbindlichkeit lässt den Schluss zu, dass im Zuge der Vorbereitung auf diesen Entwurf keine zukunftsgerichtete und ernsthafte inhaltliche Diskussion geführt wurde.
Seit zwei Jahren beschäftigt sich eine ministerielle Arbeitsgruppe mit der Entwicklung eines Referenzrahmens für Informatische Grundbildung mit dem Ziel, eine inhaltliche Grundorientierung und Klarheit für SchülerInnen, LehrerInnen und schulpolitisch Verantwortliche zu geben. Mit der Definition und Operationalisierung jener „Digitalen Kompetenzen“, über die alle SchülerInnen am Ende der Sekundarstufe I verfügen sollen, ist die Diskussion darüber eröffnet, ob die Erreichung dieser Ziele auch aus Sicht aller Beteiligten wünschenswert ist und welche Maßnahmen zur Umsetzung zu ergreifen sind.
Der Entwurf eines ganzheitlichen Ansatzes liegt seit Sommer 2011 in einer Erstversion vor. Dieser ist als als nationale österreichische Variante innerhalb einiger bereits existierender Referenzrahmen, Lehr- und Lernplänen und Kompetenzrastern zu sehen, wie sie m. E. bundesländerspezifisch und international bereits in unterschiedlichsten Ausprägungen existieren. Basis dieses Entwurfs ist nach sorgfältiger Abwägung der überlappenden Bereiche Informatik - IKT – Medienbildung ein pragmatischer Kompetenzbegriff, der von Kenntnissen und Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, Motivation und Werthaltungen sowie Nachhaltigkeit und Transfer ausgeht. Er ist ausgewogen im Sinne von Baacke’s verbreiteter Einteilung von Medienbildung in Medienreflexion, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. Den Diskussionen in Österreich in Bezug auf Bildungsstandards wurde ebenso Rechnung getragen wie einem Bezug zum Europäischen Referenzrahmen für Sprachen, der von einem elaborierten Kompetenzraster und einem gestuften Modell von operationalisierten Lernzielen ausgeht.
Klassifikationschema informatischer Grundbildung
Informationstechnologie, Mensch & Gesellschaft
Bedeutung von IT in der Gesellschaft
Verantwortung bei der Nutzung von IT
Datenschutz und Datensicherheit
Entwicklungen und berufliche Perspektiven
Informatiksysteme
Technische Bestandteile und deren Einsatz
Gestaltung und Nutzung persönlicher IS
Datenaustausch in Netzwerken
Mensch-Maschine-Schnittstelle
Anwendungen
Dokumentation, Publikation und Präsentation
Berechnung und Visualisierung
Suche, Auswahl und Organisation von Information
Kommunikation und Kooperation
Konzepte
Repräsentation von Information
Strukturieren von Daten
Automatisierung von Handlungsanweisungen
Koordination und Steuerung von Abläufen
Dieses ausgewogene Klassifikationsschema mit vier Hauptkategorien, die ihrerseit in jeweils vier mehr oder weniger umfangreiche Themengebiete unterteilt sind, bildet die Inhaltsdimension eines Kompetenzmodells zur Informatischen Grundbildung, die innerhalb der Sekundarstufe I – und möglicherweise auch schon beginnend mit der Grundschule – von SchülerInnen erworben werden soll.
Derzeit sind ca. 70 Detailziele in Form von schülerorientierten „Ich kann“-Formulierungen formuliert und von der Arbeitsgruppe abgesegnet. Diese detaillierten fachlichen Teilkompetenzen richten sich an LehrerInnen und SchülerInnen, konkretisieren den inhaltlichen, aber nicht methodischen, Auftrag und richten somit Lehren und Lernen auf gemeinsame Ziele aus. Der Vorschlag beschreibt fachliche Kompetenzen, die von SchülerInnen am Ende der Sekundarstufe I in Bezug auf informatische Grundbildung erwartet werden.
Derzeit wird ein Pool von kompetenzorientierten Aufgaben entwickelt, der alle Inhaltskategorien und möglichst alle Detailziele abdeckt. Diese sollen ab dem 2. Semester 2012 allen Schulen zur Verfügung stehen, um die abstrakten Ziele in konkrete Handlungsanweisungen umzusetzen.
Ob und in welchem Ausmaß diese „Digitalen Bildungsstandards“ als Empfehlung zu verstehen sind oder verbindlich gemacht werden, kann nur das Ergebnis von noch zu führenden bildungspolitischen Diskussionen sein. Offen ist auch die Strategie, wie die Lernziele von den SchülerInnen formal erworben und erreicht werden können. Ob dies koordiniert-fächerintegrativ, schulautonom wie bisher in Form von Fächern mit unterschiedlichen Bezeichnungen, oder in Form eines zentral verordneten verpflichtenden (interdisziplinären, andere Gegenstände einbeziehenden) Schulfaches mit einer noch offenen Bezeichnung erfolgen soll und kann, bleibt vorerst noch offen. Noch.
Auf der Website http://www.informatische-grundbildung.com/ steht bereits jetzt eine zentrale Plattform für diese Initiative zur Verfügung, die weiterführende Informationen bietet. Alle sind eingeladen, aus dieser Initiative eine Schulrealität werden zu lassen, die zur Minderung der digitalen Spaltung unter den SchülerInnen am Ende der Sekundarstufe führt.
Wer mehr zum unscharfen Begriff „Digitale Kompetenzen“ erfahren will, ist eingeladen, den englischsprachigen Artikel Mapping Digital Competence:
Towards a Conceptual Understanding (downloadbar unter http://ftp.jrc.es/EURdoc/JRC67075_TN.pdf ) zu lesen.







